Gehasst werden psychologie

Über das germanische Verb hatjan ist hassen mit hetzen verwandt. Hetzen wird heute in vier Bedeutungsvarianten verwendet:. Alle vier Bedeutungsvarianten verweisen auf das Wesen des Hasses. Sie bahnen die Erkenntnis, dass Hass stets Leid verursacht; sowohl bei dem, der ihn empfindet als auch bei dem, der ihm zum Opfer fällt. Es mag sein, dass Hass ein Gefühl von Macht und Überlegenheit vermittelt.

Stärke, die aus Hass heraus erlebt wird, ist jedoch nur eine oberflächliche Empfindung, die ein tiefer liegendes Gefühl eigenen Unwerts verdeckt. Das Adjektiv hässlich wird heute meist als rein ästhetischer Gegensatz zu schön begriffen. Benennt der Begriff ein Verhalten, das man einer anderen Person angedeihen lässt, ist der ursprüngliche Sinngehalt der Gehässigkeit noch spürbar: Pauls Verhalten gegenüber Lina war hässlich.

Damit ist eigentlich gemeint, dass Pauls Verhalten Linas Kummer nicht nur billigend in Kauf genommen hat. Ihr wehzutun, war zumindest eine Komponente seiner Absicht. Vom gleichen spricht der Begriff Gehässigkeit. Der Akt der Wahrnehmung besteht aus zwei Komponenten: dem wahrgenommenen Objekt und dem wahrnehmenden Subjekt. Ist es schön, wird es verschont. Auf der Seite des Subjekts ist Schönheit keine Eigenschaft, die ihm passiv zukäme.

Erkennt es Wert nicht, wird sein Verhalten hässlich. Hass ist eine intensive Form der destruktiven Aggression. Um sein Wesen besser zu verstehen, lohnt es sich, ihn von anderen Formen aggressiven Verhaltens zu unterscheiden:. Sowohl die physiologische Offensivität als auch die Wut können für bestehende Strukturen zerstörerisch sein.

Im Grundsatz sind sie aber konstruktiv. Sie setzen sich für Werte ein, die es aufzubauen oder zu bewahren gilt. Die physiologische Offensivität ist ein Grundmuster des Lebens. Das hängt mit den Existenzbedingungen lebender Organismen zusammen. Lebende Organismen sind darauf angewiesen, auf Ressourcen zuzugreifen, um ihre Existenz zu sichern. Wo er konkurrierende Arten verdrängen kann, überwuchert der Bärenklau jedes Stück Land.

Weder Löwe noch Bärenklau nimmt bei derart Zugriff Rücksicht auf andere. Obwohl das Verhalten des Löwen seiner Beute gegenüber als aggressiv zu bezeichnen ist, empfindet er keine Wut auf die Gazelle und erst recht keinen Hass. Er greift nicht an, weil er sie als Bedrohung empfindet und daher abwehren will. Er greift an, weil er Hunger hat.

Anders ist es, wenn der Löwe von einem Konkurrenten herausgefordert wird. Dann reagiert seine Aggression auf eine faktische Bedrohung. Er wird wütend. Was für Tier und Pflanze gilt, gilt genauso für den Menschen. Auch er muss sich Mittel zum Leben verschaffen. Auch er muss auf das zugreifen, was er haben will. Dabei konkurriert er mit anderen um Güter aller Art: Gemüsesuppe, Partner, Mietwohnungen, Karrierechancen.

Wer nicht in der Lage ist, offensiv auf Chancen zuzugreifen und Konkurrenten zu verdrängen, verliert das Spiel. Sobald der Konflikt um Ressourcen eskaliert, reagieren Konkurrenten jedoch emotional. Werden andere als Bedrohung erlebt, kommen heftige Emotionen auf, deren Aufgabe es ist, zur Abwehr der Bedrohung möglichst viel Kampfkraft bereitzustellen.

Wie der Löwe, der einen anderen fürchtet, reagiert der Mensch mit Wut. Wut ist eine reaktive Aggression. Sie kommt erst auf, wenn Hindernisse wichtige Pläne durchkreuzen oder Bedrohliches erkennbar wird. Der wütende Mensch bäumt sich auf, um Hindernisse aus dem Weg zu räumen und Bedrohungen abzuwehren. Wut ist ein archaisches Werkzeug des Menschen im Umgang mit der physikalischen Realität und erst recht im Umgang mit anderen.

Marcel beobachtet vom Fenster aus, wie der Nachbar versucht, den Zaun zu seinen Gunsten zu verschieben. Keine Minute später steht er ebenfalls am Gartenzaun und macht dem Nachbarn klar, wann die Grenzen seiner Toleranz überschritten sind. Auch wenn Wut als Werkzeug im psychosozialen Konfliktfall verwendbar ist, ist sie keineswegs unproblematisch.

Das meiste, was Wut bewirken kann, bewirkt eine sachliche Klärung von Konflikten besser. Auch der Hass ist eine reaktive Aggression. Er reagiert auf Bedrohungen, denen man sich von Seiten anderer ausgesetzt sieht. Selbst wenn auch er in letzter Konsequenz etwas beschützen will - die Ehre oder die Freiheit dessen, der ihm verfällt -, ist er jedoch grundsätzlich destruktiv.

Das hat mit einer psychologischen Bedingung zu tun, die ihm zugrunde liegt: einem fehlenden oder zerbrechlichen Selbstwertgefühl. Die etymologischen Zusammenhänge im Umfeld des Verbs hassen haben bereits auf zwei wesentliche Merkmale des Hasses hingewiesen. Im Gegensatz zur Wut schlägt Hass Bedrohungen nicht nur zurück und ebbt dann ab.

Er setzt zur Verfolgung an. Er hetzt. Er schadet nicht nur dem Opfer. Er schadet auch dem Täter stets mehr, als er ihm jemals nützen könnte. Dem Zugriff anderer ausgesetzt zu sein, hätte kaum psychologische Folgen, wäre die Emotionalität des Menschen nicht mit dem psychologischen Grundkonflikt verwoben.

Gewiss: Man kann sich vereinnahmen lassen, um das Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu erfüllen. Das führt dazu, dass der Mensch nicht in der Lage ist, den Zugriff anderer auf sich selbst zu dulden ohne dass es dafür triftige Gründe gibt, die auch in seinem Interesse liegen oder dass entsprechende Abwehrmechanismen das gestörte Gleichgewicht ausbalancieren.

Wer hasst, ist psychisch krank. Der strukturelle Schwerpunkt der Erkrankung liegt in einem narzisstischen Defizit. Am Hass zu erkranken, riskiert vor allem der, der sich selbst kein unbedingtes Wertgefühl entgegenbringt.

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Bei dem der hasst, ist ein spürbares Selbstwertgefühl entweder gar nicht vorhanden oder es hängt von der Identifikation mit Vorstellungsbildern ab, die spaltend und damit ihrerseits latent entwertend sind: zum Beispiel nationale und religiöse Mitgliedschaften oder Selbstbilder, die vom Vergleich mit oder von der Bestätigung durch andere abhängen.

Die Erkrankung liegt aber nicht nur in einem narzisstischen Defizit. Menschen mit zerbrechlichem Selbstwertgefühl gibt es viele. Nur ein Teil davon sucht die Rettung im Hass. Hass entwickelt sich erst, wenn sich bestimmte Abwehrmanöver wechselseitig in fataler Weise ergänzen. Fünf davon spielen eine besondere Rolle:.

Missachtende Verhaltensweisen sind an der Tagesordnung. Wer glaubt, dass er die reaktive Aggression nicht gegen die eigentliche Ursache richten kann, verschiebt sie oft auf andere. So schützt er die Beziehung, auf die er nicht zu verzichten können glaubt Weder Anna noch Werner sind in der Ehe glücklich.

Ich bin von allen gehasst

Jeder erträgt die Marotten des anderen in stiller Geduld. Statt aufeinander loszugehen, entladen sie ihre Aggression, indem sie sich gemeinsam über die Nachbarn ereifern. Aggressionen, die in alltäglichen Beziehungen nicht entladen oder durch konfliktlösende Strategien behoben werden können, sammeln sich in der Psyche an. Sie werden bei passender Gelegenheit auf Sündenböcke ausgerichtet.

So mancher fühlt sich seinem eigenen Sosein ausgeliefert und würde sich am liebsten von den gefürchteten Aspekten befreien. Dann sieht er jemanden, der das zu repräsentieren scheint, was er an sich selbst nicht anerkennen will. Dort schuftet er 70 Stunden die Woche. Als er hört, dass Phillip sechs Monate in Australien war, wettert er gegen Faulenzer.

In der Wut nennt er sie Sozialparasiten und spricht sich für die Errichtung von Arbeitslagern aus. Peter will sich nicht eingestehen, dass er am liebsten mit Phillip tauschen würde. Tief im Herzen zweifelt Innozenz daran, dass sein Glaube die Wahrheit spricht. Merkwürdig, dass ausgerechnet er dafür plädiert, gegen Ketzer unerbittlich vorzugehen. Kaum etwas schürt Hass besser als Spaltung.

Zwecks Vereinfachung des Weltbilds teilt die Psyche dabei komplexe Phänomene in zwei Kategorien auf: gut oder böse bzw. Ist die Einordnung einer Person oder Gruppe als nur böse vollzogen, folgt die Aggression fast unmittelbar. Das Böse an sich ist stets bekämpfenswert. Und weil dem Bösen nichts anderes anhaftet als Böses, erscheint der Hass dagegen sogar noch als Tugend.

Da er von seinem Vater schwer misshandelt wurde und er sich von der Gesellschaft zurückgesetzt fühlte, steckte Adolf voller Aggression. Als er auf die Idee kam, dass hinter allem Unglück der Erde die vermeintliche Bosheit des Juden steckt, empfand er das als schiere Befreiung. Der Kampf gegen das, was ihm als abzuspaltendes Böses galt, gab seinem Hass vermeintlichen Sinn.

Blindheit dient Hass auf zweierlei Art: Zum einen ist es einfacher, jemanden zu hassen, den man nur oberflächlich kennt. Deshalb wird Hass oft auf Personen verschoben, die zwar im Blickfeld auftauchen, mit denen man persönlich aber wenig zu tun hat. Zum anderen neigt Hass dazu, alle Aspekte an der gehassten Person, die ihn hemmen könnten, nachträglich auszublenden.

Hass entspringt einer Spaltung des Weltbilds in gut und böse. Was der Spaltung widerspricht, will er nicht sehen. Unauflösbar mit der Spaltung ist Abwertung verbunden.