Keine gefühle zeigen psychologie
Die Qualität einer Beziehung lässt oft nach, wenn einer der Partner an Alexithymie leidet. Bildquelle: fotolia, Alexey Teterin Bei Berufszweigen wie der Computerbranche mit zum Teil geringen sozialen Kontakten kann die Alexithymie lange unerkannt bleiben. Bildquelle: Freie Universität Berlin, Ulrich Dahl Die einen empfinden sie als wortkarg und langweilig, die anderen als distanziert und gefühlskalt: Menschen mit Alexithymie können offenkundig nicht trauern, sich nicht ausgelassen freuen oder einmal so richtig wütend werden.
Sie sind unfähig, Emotionen zu zeigen. Forscher der Freien Universität lässt diese scheinbare Gefühlsarmut nicht kalt. Es war Winter und ein kalter Abend, also räumte sie noch eben den Wagen auf und machte die Kasse. Es kann nur ein Moment fehlender Aufmerksamkeit gewesen sein, jedenfalls stand plötzlich ein Mann in ihrem Wagen.
Der Angreifer vergewaltigte und verletzte Heike Mankert und raubte sie aus. Trotz lauter Hilfeschreie und obwohl genug weitere Buden des Jahrmarkts in Hörweite standen, kam ihr niemand zu Hilfe. Zunächst schien es, als habe die junge Frau alles gut verkraftet. Sie rief die Polizei, berichtete von der Vergewaltigung, und ihr Mann installierte einen Panikknopf im Wagen, mit dem sie im Notfall Alarm schlagen konnte.
Depression, diagnostizierten die Ärzte und wiesen Heike Mankert in ein psychiatrisches Krankenhaus ein. Dort konnte ihr zunächst geholfen werden: Sie ging wieder zur Arbeit und bewältigte den Alltag. Nemiah und Peter E. Sifneos dem Phänomen seinen Namen: Alexithymie, wörtlich: die Unfähigkeit, Gefühle zu lesen. Eine eigenständige Krankheit ist Alexithymie nicht.
Geht es nach Isabella Heuser, soll sich das in den nächsten Jahren grundlegend ändern. Die wichtigste und schwierigste Frage Die erste und wichtigste Frage — zugleich wahrscheinlich auch die schwierigste — lautet dabei: Haben diese Menschen weniger oder kaum Gefühle, oder können sie diese nur nicht benennen?
Solche organisch unerklärlichen Störungen sind neben Depressionen die einzigen Symptome, wegen derer Menschen mit Alexithymie überhaupt Psychiater aufsuchen Das Phänomen an sich erzeugt erst einmal Leidensdruck — nicht bei den Betroffenen und auch nicht bei deren nächsten Angehörigen: Die kennen den Alexithymen meist gar nicht anders und schätzen eher seine unaufgeregte, kühl-distanzierte Art; allerdings sind häufige, frustrierende Arztbesuche wegen diffuser körperlicher Beschwerden eine zunehmende Belastung für den Alexithymen und seine Umgebung.
Betroffen ist auch die Gesellschaft wegen der mit der Krankheit verbundenen hohen Arztkosten. Eine Ausnahme bilden Menschen, die erst nach einer traumatischen Belastung alexithyme Symptome zeigen — wie Heike Mankert. Sie erleben sich als verändert, und auch Familie und Freunde bemerken den Verlust an Emotionalität. Auffälligkeiten in Mimik und Gestik Die Aufgaben, die sich die Wissenschaftler des Exzellenzclusters für die nächsten fünf Jahre gestellt haben, sind sehr ambitioniert.
Bedienen sich alexithyme Menschen beispielsweise einer anderen Wortwahl oder eines besonderen Satzbaus? Haben sie Auffälligkeiten in ihrer Mimik, Gestik und in der Sprachmelodie? Eine Verarmung dieser Ausdrucksmöglichkeiten könnte die Diagnose erleichtern und Rückschlüsse auf die neuronalen Mechanismen geben, die für Alexithymie verantwortlich sind.
An Ideen mangelt es Heuser nicht: Nachdem sie aus der Normalbevölkerung 30 hochalexithyme Probanden rekrutiert hat, nach Tests auf deren emotionale Benennfähigkeiten, auf ihre Gestik und Mimik, soll ein genauer Blick in das Gehirn für mögliche Aufschlüsse sorgen. Nicht zuletzt dafür bekam der Exzellenzcluster im Rahmen der Förderung einen hochmodernen Forschungs-Kernspintomographen, mit dem die Wissenschaftler der Freien Universität nun auch technisch sehr gut ausgestattet sind.
Mit dessen Hilfe könnten die Forscher quasi live zusehen, was im Gehirn eines alexithymen Menschen passiert, wenn er Emotionen benennen soll. Die Ursache von Alexithymie werden die Forscher Weise wohl nicht finden: Selbst wenn mithilfe des Tomographen eindeutige Unterschiede in beiden Hirnen deutlich würden, wäre noch lange nicht klar, ob sie der Grund oder die Folge der Störung sind.
Es würde auch die Diagnose erleichtern, die bislang vor allem auf einem Test mit 20 Fragen beruht, der sogenannten Toronto-Alexithymie-Skala. Wie wirken Psychostimulanzien? Die Psychopharmakologie ist daher ein weiteres Instrument, mit dem die Forscher dem Phänomen auf die Spur kommen möchten. Auf die üblichen Botenstoffe im Gehirn, die Neurotransmitter Noradrenalin, Serotonin, Acetylcholin, Dopamin, Gaba und Glutamat, setzt Isabella Heuser wenig Hoffnung, weil deren Auswirkungen mittlerweile als gut erforscht gelten.
Doch was geschieht zum Beispiel nach Gabe von Psychostimulanzien, die emotional anregend wirken? Wie reagiert ein Alexithymer, wenn die Emotionen stärker werden? Kann er deutliche Gefühle besser benennen? Oder empfindet er die erhöhte innere Erregung als Gefahr und regelt sich emotional noch weiter herunter?
Gefühle zeigen: Diesen Menschen fällt es besonders schwer
Auch auf die Wirkung von Tetrahydrocannabinol, den Hauptwirkstoff von Cannabis, ist die Forscherin gespannt: Die meisten Menschen berichten nach der Einnahme dieses Wirkstoffs von einer angeregten Phantasie, einer reicheren Vorstellungswelt, bildhafter Sprache. Möglicherweise gilt das auch für Alexithyme. Nach dem Erstgespräch war alles klar Die eigentliche Ursache, sagt Heuser, kenne sie auch bei Michael Tresser Namen geändert nicht.
Im Gegensatz zu Heike Mankert, die erst nach einem Trauma deutliche alexithyme Symptome zeigte, scheint Tresser schon von Kindheit an mit Emotionen wenig anfangen zu können. Doch erst mit 55 Jahren, nach einem langen Irr- und Leidensweg durch verschiedene Praxen und Krankenhäuser wegen unerklärlicher Bauchschmerzen und Übelkeit, kam einer seiner Ärzte auf die Idee, ihn psychiatrisch untersuchen zu lassen.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Tresser sämtliche Untersuchungen über sich ergehen lassen, die der Magen- und Darmheilkunde zur Verfügung stehen — ohne Befund. Der Fragebogentest kam zum Einsatz, und richtig: Tresser war hochalexithym. Im Alltag gelang es ihm, das gut zu verbergen: Seine Frau kannte ihn nicht anders, und dank seiner Tätigkeit als Computerexperte musste Tresser wenig soziale Kontakte eingehen — so blieb die Alexithymie 55 Jahre lang unentdeckt.
Erst als ihm die Klinikpsychologen den Zusammenhang zwischen Ärger und Bauchschmerz deutlich machten, begann Tresser, ein Verständnis für seine Symptome zu entwickeln. Er konnte die Klinik rasch verlassen und macht jetzt eine ambulante Psychotherapie. Ihr und ihrem Team wird es darum gehen, vor allem Veränderungen im Gehirn zu suchen und bestimmte Areale zu stimulieren, um die Wirkungen zu beobachten.
Gefühle verstehen können Der Fokus in dem auf fünf Jahre angelegten Exzellenzcluster liegt zunächst nicht auf den klinischen Fragen nach Ursachen und Therapien, sondern — viel allgemeiner — auf dem Verständnis der Gefühle an sich. Mit ihrem Team will sie daher unter anderem versuchen, mithilfe der sogenannten transkraniellen Magnetstimulation einzelne Hirnareale vorübergehend lahmzulegen, um Emotionen zu modellieren und so das Symptom besser zu verstehen.
Doch selbst wenn viele solche Emotionen nicht vermissen — sie in sich zu entdecken, kann eine enorme Bereicherung sein. Sven Lebort.