Psychologe arbeitslose tabelle

Hintergrund: Trotz der in Deutschland momentan niedrigeren Arbeitslosenrate sind mehr als 1 Million Menschen länger als ein Jahr arbeitslos. Der Gesundheitszustand dieser Personengruppe, die Auswirkung von Arbeitslosigkeit auf die Gesundheit und der Einfluss von Makroökonomie sowie Sozialpolitik sind Gegenstand dieser Übersicht.

Methoden: Die vorliegende Arbeit basiert auf einer selektiven Literaturrecherche in der Datenbank PubMed. Die Mortalität ist um das 1,6-fache erhöht. Arbeitslosigkeit scheint nicht nur Folge Selektionseffekt , sondern auch Ursache Kausalitätseffekt für Erkrankungen zu sein. Erlernte Hilflosigkeit ist ein wesentlicher psychologischer Erklärungsmechanismus.

Es gibt begrenzte Evidenz für eine etwas höhere Prävalenz von Alkoholerkrankungen unter langzeitarbeitslosen Menschen, die sowohl Ursache als auch Folge der Arbeitslosigkeit sein können. Ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle scheint mit Arbeitslosigkeit assoziiert zu sein. Krebserkrankungen können zu Arbeitslosigkeit führen. Schlussfolgerung: Menschen in Langzeitarbeitslosigkeit tragen — vor allem in Bezug auf die psychische Gesundheit — eine deutlich höhere Krankheitslast als erwerbstätige und kurzzeitarbeitslose Personen, die mit der Dauer der Arbeitslosigkeit tendenziell zunimmt.

Um den Teufelskreis zwischen Arbeitslosigkeit und Krankheit zu durchbrechen, sind gemeinsame Anstrengungen der Regelversorgung, spezieller Gesundheitsförderung und der Sozialpolitik notwendig. Nach der aktuellen Statistik sind in Deutschland mehr als 1 Menschen länger als ein Jahr ohne Arbeit e1. Letzteres bestätigen aktuelle Ergebnisse aus Deutschland 1.

In diesem Beitrag soll ein Überblick über den Zusammenhang von Gesundheit und dem Verlust des Arbeitsplatzes gegeben werden. Vor dem Hintergrund, dass trotz der positiven Arbeitsmarktentwicklungen der letzten Jahre die Reintegration langzeitarbeitsloser Menschen bisher kaum gelingt, soll ein besonderer Schwerpunkt auf der gesundheitlichen Situation von Langzeitarbeitslosen liegen.

Die vorliegende Arbeit basiert auf einer selektiven Literaturrecherche in der Datenbank PubMed. Wenn keine Reviews zu einem Thema vorlagen, wurden Originalarbeiten herangezogen, die im Text entsprechend beschrieben sind. Ergänzt wurden die Arbeiten um deutsche Publikationen Artikel, Bücher, Berichte aus den Literatursammlungen der Autoren. Verwendete Suchworte waren:.

Kausale Zusammenhänge zwischen Arbeitslosigkeit und Gesundheit sind seit vielen Jahren Gegenstand von Untersuchungen. Diskutiert werden Zusammenhänge in zwei Richtungen: Selektion und Kausalität. Selektion — Diese Richtung bedeutet, dass chronisch erkrankte Personen ein erhöhtes Risiko haben, arbeitslos zu werden. In der Folge sind Menschen mit solchen Erkrankungen in der Gruppe der Arbeitslosen überrepräsentiert Krankheit verursacht Arbeitslosigkeit.

Solche Effekte können aus verschiedenen Gründen auftreten:. Kausalitätseffekt — Diese Richtung hingegen beschreibt, dass Arbeitslosigkeit selber zu einem Auslöser von Erkrankungen werden kann. Arbeitslosigkeit stellt einerseits eine schwere psychische Belastung für die Betroffenen dar, die besonders auf längere Sicht ein erhöhtes Erkrankungsrisiko mit sich bringt.

Andererseits ist ökonomische Armut eine wichtige Determinante von Gesundheit und Lebenserwartung — weil zum Beispiel gesunde Ernährung, Lebensumwelt, die Teilhabe an sozialen Aktivitäten und der Zugang zu medizinischer Versorgung vom Einkommen abhängen 8. Zur Frage, ob Arbeitslose aufgrund von Selektion oder Kausalität kränker sind als Erwerbstätige, wurden in den letzten Jahren drei Metaanalysen publiziert 9 — 11 , e4.

Sie kommen auf der Basis longitudinaler Studien zu dem eindeutigen Schluss, dass sowohl Selektion als auch Kausalität für Morbidität und Mortalität von Arbeitslosen verantwortlich sind. Da die detaillierte Bearbeitung dieser Frage zu Ursache und Wirkung den Rahmen des vorliegenden Beitrags sprengen würde, sei auf diese Arbeiten verwiesen.

Selektion und Kausalität interagieren und verstärken sich im Sinne eines Teufelskreises, indem eine chronisch kranke Person arbeitslos wird Selektion und die Arbeitslosigkeit dann die Krankheit verschlimmert Kausalität , was wiederum die Chancen vermindert, wieder einen Arbeitsplatz zu finden. Dieses Risiko bleibt erhöht, wenn für Alter und weitere Kovariaten kontrolliert wird.

Auch speziell für Deutschland konnte eine erhöhte Mortalität nachgewiesen werden, die zudem mit der Dauer der Arbeitslosigkeit anstieg: Bei Versicherten der Gmünder Ersatzkasse GEK mit 1 bis unter 2 Jahren Arbeitslosigkeit zeigte sich im Vergleich zu den durchgängig Berufstätigen eine 1,6-fach erhöhte Mortalität, bei Personen mit mindestens 2 Jahren Arbeitslosigkeit in den vorangehenden 3 Jahren war im Folgezeitraum das Mortalitätsrisiko 3,4-fach erhöht 2.

In der Arbeit von Roelfs et al. Tabelle 1 gibt einen Überblick über Ergebnisse von Metaanalysen und systematischen Reviews, die sich mit psychischen Erkrankungen bei Arbeitslosen beschäftigt haben. Zwei Metaanalysen weisen mit hohen Effektstärken eine deutlich schlechtere psychische Gesundheit von Arbeitslosen im Vergleich zu Erwerbstätigen nach 9 , 12 , e4.

Der Anteil klinisch relevanter Symptome ist bei Arbeitslosen im Schnitt doppelt so hoch. Die Effekte der Dauer der Arbeitslosigkeit unterscheiden sich zwischen beiden Metaanalysen: Bei Brown et al. Auch einzelne Studien bestätigen eher eine Zunahme der Probleme 13 — Die am häufigsten in der Literatur diskutierte Diagnosegruppe ist die Depression.

In der Arbeit von Paul und Moser 9 wurde nahezu eine Verdopplung des Anteils an Personen mit klinisch relevanten depressiven Symptomen bei Arbeitslosen gefunden. In einer eigenen Studie mit Langzeitarbeitslosen im Alter über 50 Jahren 19 zeigten sich — erfasst mit dem Patient Health Questionnaire PHQ und validiert durch Experteneinschätzungen — noch höhere Werte Tabelle 2.

Erwerbslosigkeit

In der Allgemeinbevölkerung haben unter den psychischen Erkrankungen Angststörungen die höchste Prävalenz Einige Studien 9 , 20 , e4 weisen auch hier auf eine deutlich höhere Auftrittswahrscheinlichkeit bei Arbeitslosen hin. In Limm et al. Auch Margraf und Poldrack 16 konnten in einer repräsentativen deutschen Bevölkerungsstichprobe zeigen, dass Vollzeiterwerbstätige eine signifikant geringere durchschnittliche Angstintensität haben als Arbeitslose.

Die Arbeit von Henkel 17 zeigt hohe Streuungen der Prävalenzen und Odds Ratios sowie deutliche Selektionseffekte Tabelle 1. Psychotische Erkrankungen stellen im Sinne der Selektion einen Grund für Arbeitslosigkeit dar, neu ist der Befund, dass psychosoziale Risikofaktoren im Sinne der Kausalität die Manifestation dieser Erkrankungen fördern könnten: Eine 18 Jahre andauernde Studie 22 zeigt, dass die Inzidenz der Schizophrenie bei Personen mit psychosozialen Risikofaktoren darunter auch Arbeitslosigkeit nahezu doppelt so hoch ist wie in der Bevölkerung ohne Risikofaktoren.

Soziale Ungleichheit kann über vielfältige Mechanismen zu Einschränkungen der Gesundheit führen zum Beispiel e7. Für Arbeitslosigkeit im Speziellen gibt Wanberg 23 einen Überblick über potenzielle Mechanismen:. Direkte Effekte — Diese können unmittelbar auf die manifeste Funktion von Arbeit im Sinne Jahodas e3 bezogen werden.

So löst fehlendes Einkommen Stressreaktionen aus und erschwert unter Umständen einen gesunden Lebensstil. Direkte Effekte sind sicherlich stärker ausgeprägt in Ländern ohne gute soziale Absicherung. Indirekte Effekte — Solche, die eng mit den latenten Funktionen von Arbeit zusammenhängen sozialer Kontakt und Einbindung, Aktivität beziehungsweise Aktivierung, Erleben von Sinnhaftigkeit, Zeitstrukturierung, Erleben von Kontrolle, persönlicher Status und Identität lassen sich im Wesentlichen über das kognitive Stressmodell nach Lazarus und Folkman 24 erklären.

Je zentraler die Rolle der Arbeit ist, desto bedrohlicher wird die Situation der Arbeitslosigkeit Das kognitive Stressmodell kann auch den kontraintuitiven Befund erklären, dass stärkere Bewerbungsaktivitäten mit schlechterem psychischem Befinden einhergehen 25 : Wiederholte Misserfolgserlebnisse oder Coping-Anstrengungen ohne sichtbaren Erfolg führen zu Hilflosigkeits- und Kontrollverlusterfahrungen, die wiederum Passivität und negative Gesundheitseffekte zur Folge haben.

Die Mortalität stieg insgesamt mit Dauer der Arbeitslosigkeit an, bei Männern stärker als bei Frauen. Bei Männern stieg die Mortalität durch Krebserkrankungen, kardiovaskuläre Erkrankungen Herzinfarkt, Schlaganfall und alkoholbedingte Erkrankungen bis gegen Ende des dritten Jahres der Arbeitslosigkeit an und sank dann wieder. Bei Frauen waren diese Zusammenhänge inkonsistenter und nicht signifikant.

Im telefonischen Bundesgesundheitssurvey von wurden von langzeitarbeitslosen Männern chronische Bronchitis, Rückenschmerzen, Bluthochdruck und Schwindel angegeben. Bei Frauen waren insbesondere die Kurzzeitarbeitslosen häufiger krank Das Risiko war für Frauen mit bösartigen Tumoren der Brust oder der Reproduktionsorgane, und für Männer und Frauen mit gastrointestinalen Tumoren erhöht.

Wie sich psychische Erkrankungen auf die Teilhabe am Arbeitsmarkt auswirken – ein Überblick

Blut-, Prostata oder Hodenkrebs erhöhte das Risiko nicht Eine US-amerikanische Studie untersuchte über einen Zeitraum von zehn Jahren mehrere Tausend Personen im Alter von über 50 Jahren. Zusammenfassend ergibt sich also für diese Erkrankungen ein nicht ganz einheitliches Bild, das möglicherweise auch kulturellen Unterschieden zwischen Deutschland, USA und Schweden geschuldet ist.

Makroökonomische Aspekte, Sozialpolitik und gesundheitliche Situation von Arbeitslosen. Zu gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen finden sich nach einem Review von Falagas et al. Diese Ergebnisse sind aber nicht zwingend widersprüchlich. Unterschiedliche Verläufe sind unter anderem dadurch erklärbar, dass manche Sozialsysteme in der Lage sind, kurzzeitige Schwankungen auszugleichen.

Weiterhin ist denkbar, dass gesundheitliche Effekte erst verzögert auftreten, so dass die gesundheitlichen Folgen von wirtschaftlichen Krisen erst sichtbar werden, wenn sich der Arbeitsmarkt bereits erholt hat. Konsistente Ergebnisse liegen für Suizide vor: Bereits in der Weltwirtschaftskrise kam es zu einem Anstieg der Anzahl an Suiziden Weitere Hinweise auf eine steigende ursachenspezifische Sterblichkeit in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit gibt es für Herz-Kreislauf-Erkrankungen 34 , Infektionskrankheiten 35 und Mordraten Die Gesamtzahl von Unfällen scheint hingegen häufig zu sinken, wenn weniger Menschen beschäftigt sind Stuckler et al.

Sie zeigten, dass der Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Suiziden unter staatlichem Investment in aktive Arbeitsmarktprogramme schwächer ist. Den Einfluss der Art des wohlfahrtsstaatlichen Systems bestätigen auch Bambra und Eikemo Während die Zusammenhänge zwischen Arbeitslosigkeit, Gesamtmortalität und psychischen Erkrankungen durch Metaanalysen gut belegt sind, ist die Datenlage zur Assoziation mit körperlichen Erkrankungen schwächer.

Auch lassen viele Studien keine Aussage darüber zu, ob es sich um gesundheitliche Auswirkungen von Kurz- oder Langzeitarbeitslosigkeit handelt. Arbeitslose suchen trotz vorhandener Notwendigkeit seltener Hilfe im Gesundheitssystem; dieser Effekt bleibt auch bestehen, wenn für soziodemografische Variablen, soziale Unterstützung und persönliche Finanzen adjustiert wird Was dies für die Versorgung im Gesundheitswesen bedeutet, ist im Kasten dargelegt.

Eigene Interventionsstudien zeigen, dass individuelle Beratungen zwar positiv empfunden werden, aber wenige gesundheitliche Effekte zeitigen Partizipative gruppenbasierte Aktivitäten in der Lebenswelt Setting hingegen waren hinsichtlich gesundheitlicher Verhaltensänderung und psychischer Gesundheit erfolgreich 20 , Für die Politik ist eine wesentliche Schlussfolgerung, dass Arbeitslose eine gesundheitliche Risikogruppe darstellen.

Eine erfolgreiche Arbeitsvermittlung und der Schutz beziehungsweise der Erhalt von Arbeitsplätzen fördert die Gesundheit. Gesundheit und Wohlbefinden von Menschen zu verbessern, die bereits in Langzeitarbeitslosigkeit sind, verspricht einen Nutzen, sowohl für die Förderung der Gesundheit als auch für die Verbesserung der Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Sowohl mit Hinblick auf das individuelle Leiden als auch auf gesellschaftliche und ökonomische Ziele scheint eine bessere gesundheitliche Versorgung und eine gezielte Gesundheitsförderung für langzeitarbeitslose Menschen dringend geboten. Herbig und Prof. Manuskriptdaten eingereicht: Anschrift für die Verfasser Prof.

Zitierweise Herbig B, Dragano N, Angerer P: Health in the long-term unemployed. Dtsch Arztebl Int ; 23—24 : —9. DOI: The English version of this article is available online: www. MEDIZIN: Übersichtsarbeit Gesundheitliche Situation von langzeitarbeitslosen Menschen Health in the long-term unemployed Dtsch Arztebl Int ; : ; DOI: Prävalenzen von psychischen Erkrankungen und Unterschiede zwischen Erwerbstätigen und Langzeit- Arbeitslosen.

Kroll LE, Lampert T: Unemployment, social support and health problems—results of the GEDA study in Germany, Dtsch Arztebl Int ; 4 : 47— Grobe TG, Schwartz FW: Arbeitslosigkeit und Gesundheit. Gesundheitsberichterstattung des Bundes.