Gläubigkeit psychologie

Religionspsychologie Edgar Schmitz Religionspsychologie ist die Wissenschaft vom religiösen Erleben und Verhalten. Die Definition impliziert die inneren Prozesse der Bildung und Veränderung von Kognitionen, Einstellungen, Erwartungen und die subjektive Repräsentation der Religion, nicht diese selbst. Religiös ist dasjenige Erleben und Verhalten, in dem Menschen sich zu etwas Transzendentem in Beziehung setzen.

Religionspsychologie erklärt, wie der Mensch eine religiöse Beziehung, die für sein Leben bedeutungsvoll ist, entwickelt oder eben nicht entwickelt. Religion ist ein symbolisches System von Glaubensaussagen, Einstellungen, Praktiken und Riten, durch die Menschen zu einer transzendenten Welt und zueinander in Beziehung treten.

Der Mensch wird religiös, wenn er eine Religion als persönliche Erweiterung akzeptiert. Gläubigkeit und Ungläubigkeit sind trotz ihrer Gegensätzlichkeit in Entstehung und Veränderung ähnlich. Die subjektive Entscheidung hängt von psychischen Prozessen ab — die Psychologen untersuchen Schmitz, Zwischen theologischen und psychologischen Reflexionen wurde nicht unterschieden Melanchthon: De anima, Hume beschrieb das religiöse Erleben, Kant reflektierte die ethische Seite der Religiosität.

Vorläufer sind Schleiermacher Reden über die Religion, und Fechner Die drei Motive und Gründe des Glaubens, Da durch Kant der Mensch sich selbst in seiner Freiheit entdeckt hatte, war für Theologen die Psychologie wichtig geworden. Man Ritschl, Wobbermin, Girgensohn, Gruehn, Stählin, Troeltsch erhoffte Stärkung und Apologetik für die Verkündigung und eine Entschärfung der Rationalitätskrise.

Von Religion und Verstand

Die Tradition wirkt bis heute Wobbermin, The nature of religion, , u. Für den Tiefenpsychologen Freud war Religion eine universelle Zwangsneurose Die Zukunft einer Illusion, , die aus dem Ödipus-Komplex herrühre. Der Gläubige sei gegen gewisse neurotische Tendenzen gefeit, da seine allgemeine Neurose ihn der Aufgabe enthebe, eine persönliche Neurose auszubilden.

Freuds Sicht, wie der Mensch Religion erschaffe, ist eine historische Marginalie. Jung sah dagegen in der Religiosität die Widerspiegelung von Archetypen Urbilder und eine Voraussetzung für seelische Gesundheit. Adler deutete das Übernatürliche immanent. Die empirische Religionspsychologie begann mit Wundts vier Stadien der Entwicklung der Religion: Ära des primitiven Menschen, des Totemismus, der Helden und Götter und der Humanität.

Sein Schüler Külpe untersuchte mit Bühler, Marbe, Stählin, Girgensohn, Gruehn anhand autobiographischen Materials und per Assoziationsmethode Phänomene der Bekehrung und der mystischen Erfahrung. Der Wundt-Schüler Hall arbeitete über Merkmale des religiösen Erlebens; Starbuck schrieb eine Religionspsychologie.

Nachhaltig wirkten Coe, Stratton, Leuba. Die Bücher von James The varieties of religious experience, und Pratt The religious consciousness, sind heute Klassiker. Zu erwähnen sind die Gründungen von The American Journal of Religious Psychology and Education , Zeitschrift für Religionspsychologie , der Gesellschaft für Religionspsychologie , des Archivs für Religionspsychologie Nach Unterbrechung durch die Nazis nehmen Gesellschaft und Archiv die Arbeit wieder auf.

Einige Länder haben Lehrstühle für Religionspsychologie Niederlande, Schweden, USA. Die American Psychological Association richtete die Sektion Spirital Issues ein Psychology of Religion , die Deutsche Gesellschaft für Psychologie einen Arbeitskreis Religionspsychologie. Huber sammelte 61 Skalen und empirische Modelle zur Dimensionalität der Religiosität, zu deren Erfassung Grom, Hellmeister, Zwingmann das Münchner Motivationspsychologische Religiositäts-Inventar MMRI entwickeln.

Das Konstrukt Religiosität wird als individuelles Merkmal analysiert, d. Drei Ansätze lassen sich unterscheiden: 1 Analyse der Religiosität anhand von Dimensionen der Glaubensüberzeugungen, des religiösen Handelns und Erlebens; 2 Messung von religiösen Einstellungen zu religiösen Komplexen; 3 Untersuchung der funktionalen Wechselbeziehung von religiösen Dimensionen zu anderen Merkmalen Autoritarismus, Liberalismus, Vorurteile, Coping etc.

Der Zielsetzung der genetischen Forschung Oser, Reich, Fetz, Valentiner; Schmitz, kommt die Längsschnittstudie am nächsten. Statt der meist korrelationsstatistischen Studien wären Kausalmodelle und Longitudinalstudien nötig. Die mangelhafte Validität mancher Skalen z. Forschungsthemen Schwierig ist das Erstellen einer Theorie von Religiosität, religiöser Überzeugung und Verpflichtung und deren Operationalisierung.

02 Religion macht stark – Glaube und Psychologie

Sie sollte eine Struktur aufweisen, die das fragliche Phänomen verständlicher macht als bisher, und eine wissenschaftliche, d. Die Motivierung zur Religiosität wird mit der Theorie der Intrinsischen Religiosität erklärt, wo Motivierung durch Selbstverstärkung erfolgt, etwa als Bestätigung einer für richtig erachteten Norm des eigenen Verhaltens.

Für den Zusammenhang von Religiosität, dem persönlich organisierten Wertesystem und Sinnerleben gibt es empirische Belege Schmitz, Schmitz So ist Religiosität die Bereitschaft, für Ereignisse eher religiöse Attributionen zu nutzen. Solche Attributionen beeinflussen die Bewältigungsstrategien in Belastungssituationen. Attributionen i. Die unerwartete Heilung, das glückliche Überleben eines Unfalls werden von vielen Menschen, auch Atheisten, i.

Seltene Ereignisse, für deren Verursachung wenig Informationen vorliegen, werden eher nach dem Aufwertungsprinzip augmentation principle attribuiert. Offenbar liefert Religion einige besondere Bewältigungsarten, ohne selbst Instrument zu sein. Religionsbezogenes Coping kann stabilisierend sein und hat sich in Lebenskrisen bewährt.

Das gehäufte Vorkommen neurotischer Befunde unter Klerikern, Seminaristen und Mitgliedern strenger Glaubensgemeinschaften ist ebenso belegt wie deren Anziehung auf manche neurotisch disponierte Menschen. Dörr fand bei intrinsisch Religiösen die geringsten Depressionswerte und bestätigt Allports Theorie, wonach Intrinsität positiv für die Gesundheit sei Schmitz Auch das christliche Prinzip der Vergebung wird in spirituelle Therapietechniken integriert und soll bei erniedrigten Menschen wirksam sein Schmitz , S.

Das Netzwerk religiöser Überzeugungen bildet als kognitive Repräsentation ein Schema, eine kognitive Struktur. Religiosität im sozialpsychologischen Kontext, im Gruppenverhalten, die Wirkung von Religion auf Moral und Ethik , auf Aggression und Kriminalität, ihre gesellschaftliche Bedeutung, die charismatischen Gruppen, die neuen religiösen Bewegungen, Sekten sowie psychische Mechanismen der Propaganda wären ebenso wichtige Themen wie eine Ideologiekritik parareligiöser Phänomene und Religionsersatz von der unkritischen Idolverehrung bis zum politischen Personenkult und Massenwahn, Probleme des religiösen Vakuums, der Sinnleere und Langeweile, Intoleranz, die Rolle der Frau in der christlichen islamischen u.

Auch in anderen psychologischen Forschungsfeldern tauchen religionspsychologische Befunde auf, die oft nicht als solche ausgewiesen werden z. Interviews mit Sterbenden. Literatur Grom, B. Henning, Ch. Hg Religion und Religiosität zwischen Theologie und Psychologie. Frankfurt: Lang. Pargament, K. The Psychology of Religion and Coping: Theory, Research, Practice.

Schmitz, E. Göttingen: Hogrefe. Spilka, B. The Psychology of Religion. Theoretical Approaches. Oxford: Westview.