Psychologe sektenausstieg

Menschen in Sekten zu therapieren ist anspruchsvoll.

Deutscher Sektenpsychologe hält Amoklauf in Hamburg für Verzweiflungstat

Doch wer einige Besonderheiten beachtet, reüssiert. Sie fällt durch emotionale Instabilität auf, ihre Gedankengänge sind teils schwer verständlich. Sie denkt stark in Schwarz und Weiss, hat oft Schuldgefühle und verhält sich gegenüber der Psychiatrie als Institution feindselig. Sie erhält die Diagnose "Borderline-Persönlichkeitsstörung". Die Frau bekommt Medikamente, erhält Psychoedukation und erlernt Skills, um ihre Gefühlsausbrüche besser zu kontrollieren.

Als eine Familienanamnese aufgenommen wird, kommt zum Vorschein, dass die Frau, wie sie selbst es nennt, in einer "Alkoholikerfamilie" aufgewachsen ist. Mit 23 Jahren sei sie einer Glaubensgemeinschaft beigetreten, in der sie erstmals echte Liebe erfahren habe: "Ich habe sehr viel Halt und Unterstützung gefunden.

Auf ihre Familie angesprochen, lehnt sie es strikt ab, mit ihren Verwandten in eine Beziehung zu treten. Als der Seelsorger kontaktiert wird, erfährt das Personal viel Schlimmes über die Ursprungsfamilie der Patientin. Sie sei zudem eine schwierige Persönlichkeit. Er verspricht aber, dass seine Gemeinschaft ihr schnell wieder Halt geben könne.

Das Personal ist sehr gerührt, wie diese schwierige Patientin von der Gemeinschaft getragen wird, und lässt sich von der Selbstsicherheit des "Seelsorgers" überzeugen. Die Patientin wird in ihre alte Welt entlassen. Sektenähnliche Gruppen wie die Gemeinschaft des vermeintlichen Seelsorgers glauben, dass der Zweck die Mittel heiligt. In solchen Gruppierungen können jegliche Hemmungen bezüglich der persönlichen Integrität des Einzelnen verloren gehen.

Indem sie das Bewusstsein der einzelnen Mitglieder kontrollieren, beeinflussen sie sie bis zum Äussersten. Das kann bis zur völligen Unterdrückung der Persönlichkeit eines Menschen führen. Kaum erstaunlich, dass die soziale Kontrolle und Beeinflussung bei manchen Mitgliedern zu vielfältigen psychischen und psychosomatischen Symptomen führt.

Um diese Menschen bei der Behandlung ihrer psychischen Beeinträchtigungen zu unterstützen, ist es entscheidend, dass Therapeut inn en um den Zusammenhang zwischen der Symptomatik und den durch die Gruppe ausgeübten Einschränkungen der persönlichen Entfaltung wissen. Einfluss der Gruppe nicht unterschätzen Grundsätzlich unterschätzen wir beim Beobachten des Verhaltens anderer Menschen den Einfluss von Situationsfaktoren und überschätzen denjenigen der Person.

So wird das direktive Vorgehen eines Arztes schnell als arrogant empfunden, obwohl Zeit- und Kostendruck sein Verhalten viel besser erklären. Dieses Phänomen ist in der Sozialpsychologie als "fundamentaler Attributionsfehler" bekannt. Forschungen zur sogenannten "Opferbeschuldigung" weisen unseren Hang nach, bei schweren Schicksalsschlägen dem Betroffenen die Verantwortung für das Erlittene unverhältnismässig stark zuzuschreiben.

Dennoch wird in unserem Gesundheitssystem viel mehr Wert auf die Diagnose des Behandelten als auf die Diagnostik der Umweltbedingungen gelegt. Eine objektive Betrachtung würde eine Gefährdung unseres Sicherheitsgefühls darstellen. Das Stanford-Prison-Experiment zeigte, wie psychisch gesunde Studierende in einer künstlich erschaffenen Gruppendynamik sadistische Verhaltensweisen entwickelten.

Die Wirksamkeitsanalyse von Psychotherapie zeigt, welchen Einfluss nur schon der Kontakt zu einer einzigen Person auf ein Individuum haben kann. Der Einfluss eines systematischen Geflechts sozialer Beziehungen, wie wir es in sektenähnlichen Gruppen antreffen, darf nicht unterschätzt werden. Unter Psychotherapeut inn en ist es weit verbreitet, die Wurzeln psychischer Probleme in der Ursprungsfamilie oder der frühen Kindheit zu suchen.

Es ist aber nicht zielführend, bei Sekten-Mitgliedern die Ursache für ihren Beitritt zu klären. Die Gründe für einen Beitritt liegen jedoch oft an veränderten Lebensumständen, wie das Ende einer Liebesbeziehung, ein Umzug in eine andere Ortschaft oder der Auszug aus dem Elternhaus. Dazu kommt, dass neue Mitglieder oft nicht wissen, mit wem sie es zu tun haben, denn Sekten arbeiten oftmals über Tarnorganisationen und verheimlichen ihren Hintergrund.

Neue Mitglieder werden systematisch getäuscht und belogen. So kann ein Persönlichkeitsentwicklungs-Seminar, ein Yoga-Kurs oder eine Alkoholiker-Selbsthilfegruppe Teil eines durchdachten Rekrutierungskonzepts sein. Einige sektenhafte Gruppen schleusen gezielt Mitglieder in soziale Institutionen oder in Schulen ein. Aber auch am Arbeitsplatz kann man sich plötzlich in einer von einer Sekte kontrollierten Umgebung befinden.

Das Aufwachsen in einer "perfekten Familie" ist sicher ein grosser Schutzfaktor. Der Faktor Zufall spielt jedoch die viel grössere Rolle beim Hineinrutschen in das vereinnahmende System einer sektenähnlichen Gruppierung. Ängste gegenüber Psychiatrie ernst nehmen Viele sektenähnliche Gruppen suggerieren ihren Mitgliedern starke Phobien bezüglich der Aussenwelt, insbesondere gegenüber der Psychiatrie und der Pharmaindustrie.

In vielen Fällen sind Sektenmitglieder davon überzeugt, dass die Psychiatrie sie einer Gehirnwäsche unterzieht und sie zu willenlosen Robotern machen will oder gar ihre Seele an den Teufel verkauft. Schon der Eintritt in eine Klinik wird so als unvorbereitete Angstexposition erlebt. Das Vertrauen, das uns Psychotherapeut inn en gewöhnlich entgegengebracht wird, können diese Menschen nicht aufbringen.

Dies hängt nicht mit deren Persönlichkeit, sondern schlichtweg mit den völlig anderen inneren Bildern zusammen, mit denen sie in der Gruppe "gefüttert" wurden. Die Empfehlung von Psychopharmaka oder auch nur das Erwähnen einer Hypnose kann bei ihnen eine massive Angst auslösen, sich dadurch den Behandelnden völlig auszuliefern.

In einer solchen Situation brauchen die Patient inn en durch intensive therapeutische Begleitung die Vermittlung von Sicherheit. Dies sollte auch ein sorgfältiges Erforschen der bestehenden Ängste einschliessen. Falsche Erinnerungen erkennen Unsere Erinnerungen entsprechen keineswegs immer objektiven Fakten und können gezielt von aussen beeinflusst werden. Dies zeigte das Experiment der Kognitionspsychologin Elizabeth Loftus, als sie bei Probanden, die als Kind im Disneyland waren, lebhafte Erinnerungen einpflanzte, wie sie dort Bugs Bunny begegneten.

Als Figur von Warner Bros. Auch in unvorsichtig durchgeführten Therapien können falsche Erinnerungen entstehen. Im Hinblick auf Gerichtsverfahren wird darum von Hypnosetechniken bei der Verarbeitung von Gewalterfahrungen abgeraten, um die Glaubwürdigkeit der Aussagen nicht zu gefährden. Bei manchen sektenähnlichen Gruppen werden stundenlange Sitzungen abgehalten, in denen Mitglieder dazu angespornt werden, "Sünden" aus ihrem Vorleben zu gestehen.

Sie werden häufig darin bestärkt, wenn sie ihre Vorgeschichte und ihre Beziehungen ausserhalb der Gemeinschaft negativ verzerrt darstellen. Wer nicht jedes Mal neue "Sünden" auspackt, wird verdächtigt, etwas zu verstecken. Aus einem durchaus in der Norm liegenden Alkoholkonsum bei Familienfeiern wird dann schnell eine Alkoholiker-Familie. Und aus einer jugendlichen Phase mit gelegentlichem Kiffen eine Vergangenheit als Drogenabhängiger.

Wichtig für die Motivation der Betroffenen ist, dass sie mittels Psychoedukation, die Erkenntnisse aus der Erinnerungsforschung einschliesst, sich kritisch mit ihrer eigenen Realitätskonstruktion auseinandersetzen lernen. Im Roman wird auf geniale Weise dargestellt, wie Sprache als Werkzeug für ein totalitäres System gebraucht wird.

Die Parolen "Krieg ist Friede", "Freiheit ist Sklaverei" und "Unwissenheit ist Stärke" sind Beispiele für die Neudefinition von Wörtern. So wird die Hauptfigur ausgerechnet im "Ministerium für Liebe" gefoltert. Das neugierige Erfragen der Bedeutungen von Wörtern ist deshalb sehr wichtig, um sich nicht ein völlig falsches Bild zu machen. Das viel diskutierte Zitat aus dem Alten Testament "Wer seine Rute schont, hasst seinen Sohn; aber wer ihn lieb hat, züchtigt ihn beizeiten" Sprüche 13, 24 ist ein gutes Beispiel dafür, was die Patientin im Fallbeispiel mit dem Erfahren wirklicher Liebe meinen könnte.

Positive Erfahrungen wie Akzeptanz und Verständnis vonseiten ihrer Familie deutete sie im Kontext der Gruppe als Beweis, dass sie von ihren Eltern nicht "wirklich geliebt" wurde. Keine Sektenjäger-Allüren entwickeln Wenn sich Psychotherapeut inn en mit den Leidensgeschichten der Betroffenen vertieft auseinandersetzen, wird der Umgang mit der eigenen Ohnmacht immer anspruchsvoller.

Die Gefahr einer Überreaktion, in der man beispielsweise durch ungefragte Ratschläge selbst grenzüberschreitend wird, ist gross. Als hilfreich hat sich die Metapher einer parasitären Persönlichkeit erwiesen, welche die authentische Persönlichkeit des Mitglieds okkupiert hält. Letztere ist unzerstörbar im Menschen verwurzelt.

Doch jeder Mensch hat das Bedürfnis, frei von Unterdrückung zu leben. Und jeder Mensch ist fähig, Empathie zu spüren. Der stärkste Verbündete im Kampf gegen missbrauchende Gruppen ist die persönliche Integrität des Gruppenmitglieds selbst. Eine Beziehung wirkt auch dann noch nach, wenn der physische Kontakt verloren gegangen ist. Bereits das Wissen, dass jemand da wäre, kann den entscheidenden Unterschied machen, der es dem Patienten oder der Patientin ermöglicht, sich aus destruktiven Strukturen loszulösen.

Therapeut inn en sollten radikal auf jegliche Kontrolle über die Betroffenen verzichten. Dies kann bei jenen die entscheidende korrektive Beziehungserfahrung darstellen: Die Hoffnung auf gesündere Beziehungen wächst, denn diese positive Erfahrung im "Hier und Jetzt", in der Welt ausserhalb der Gruppe, widerspricht am deutlichsten der erlittenen Indoktrination.

Die amerikanische Buchautorin Jenna Miscavige Hill, die aus der Scientology ausstieg, bringt es auf den Punkt: "Das Letzte, was jemand nach einer Gehirnwäsche hören will, ist, dass er einer Gehirnwäsche unterzogen worden war Indem sie nett zu mir waren und meinen Ansichten nicht widersprachen, legten sie die Grundlage dafür, dass ich später aus freien Stücken Scientology verliess.

Je nachdem, wie stark sich die Person in der Gruppe involviert, kommen verschiedene Schwerpunkte zum Tragen. Insbesondere ist Psychoedukation, welche die Betroffenen über deren soziale Beeinflussung informiert, wichtig, um die erlebte Manipulation zu durchschauen und Schuld- und Schamgefühle aufarbeiten zu können. Mittlerweile können Therapeut inn en aus einer jahrzehntelangen Erfahrung in der Ausstiegsberatung schöpfen.

Es empfiehlt sich zudem die Zusammenarbeit mit regionalen Sektenberatungsstellen, um neben fachlicher Unterstützung auch Hintergrundinformationen zu diesen Gruppen zu bekommen. Sobald sich Ausstiegswillige innerlich ausreichend von der Gruppe gelöst haben, können sie zudem von Ex-Mitgliedern unterstützt werden, die in der Aussteigerbewegung aktiv sind.

Im geschlossenen System

Der Autor: Der FSP-Psychologe Adrian Oertli arbeitet delegiert in einer ärztlichen Praxis in Landquart GR. Seine Psychotherapieausbildung absolviert er am Klaus Grawe Institut in Zürich. Adrian Oertlis Interesse an der Therapie von Menschen in Sekten wuchs aufgrund persönlicher Erfahrungen im politischen wie auch im therapeutischen Kontext. SEKTENÄHNLICHE GRUPPEN Systematisch isoliert.

Negierung der Bedürfnisse: Jede Gruppe kann als Versuch verstanden werden, durch Regeln und Rituale eine Gemeinschaft zu schaffen, in der die Befriedigung unserer Bedürfnisse gewährleistet wird. Die Erfüllung individueller Bedürfnisse ist nicht das Ziel, sie stellt im Gegenteil ein Problem für die Gruppe dar.

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